Interview mit Bénédicte Laroze LL.M. – Wissenschaftliche Mitarbeiterin von WP6

Das ASIMUTE-Projekt ist ein multidisziplinäres europäisches Forschungsprojekt, das Frauen und Männer mit unterschiedlichen Hintergründen zusammenbringt. Ihre Hintergründe sind unterschiedlich, aber alle diese Menschen engagieren sich, um die Forschung voranzutreiben. In einer Reihe von Miniporträts erfahren wir, wer sie sind und was sie motiviert.

Für dieses sechste Interview hat sich Bénédicte Laroze, wissenschaftliche Mitarbeiterin von WP6, erklärt uns, welchen Einfluss ihre persönlichen Überzeugungen auf ihren Werdegang und ihre Arbeit haben.

Frage 1: Was ist Ihr persönlicher Werdegang und was hat Sie dazu bewogen, eine wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen?

B. Laroze: Die Ausrichtung meiner beruflichen Laufbahn auf die wissenschaftliche Forschung war zunächst keineswegs selbstverständlich. Zunächst absolvierte ich ein Jurastudium (Licence) sowie anschließend einen Master-1-Abschluss im Strafrecht an der Universität Bordeaux, bevor ich einen deutsch-französischen Studiengang aufnahm. Nach Abschluss dieser Ausbildung entschied ich mich – entgegen dem Weg der meisten Jurastudierenden, die Prüfungen ablegen oder eine Dissertation beginnen – direkt für den Einstieg ins Berufsleben. So arbeitete ich fünf Jahre lang als Unternehmensjuristin in Deutschland.

Nach mehreren Jahren in diesem Bereich verspürte ich das Bedürfnis, meiner beruflichen Tätigkeit mehr Sinn zu verleihen und meine Kompetenzen in den Dienst einer Sache zu stellen, die mir besonders am Herzen liegt: dem Umweltschutz. In diesem Zusammenhang absolvierte ich eine berufsbegleitende Fernweiterbildung im deutschen Umweltrecht. Dabei stieß ich auf eine Stellenausschreibung für eine wissenschaftliche Mitarbeiterstelle an der Hochschule Kehl im Rahmen eines Projekts zum Thema Agri-Photovoltaik. Ich bewarb mich erfolgreich auf diese Stelle, was mir ermöglichte, eine wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen und dabei meine persönlichen Überzeugungen mit meinen juristischen Fachkenntnissen zu verbinden.

Frage 2: Warum haben Sie sich für dieses Forschungsgebiet entschieden?
 
B. Laroze: Der Schutz der Umwelt erfordert zwangsläufig eine Reduzierung der Treibhausgasemissionen und damit eine tiefgreifende Transformation unserer Energieerzeugungs- und -verbrauchsmodelle. Auch wenn die vom Energiesektor verursachten Treibhausgasemissionen je nach Land und Energiemix stark variieren, stellt die Energiewende eine unbestreitbare ökologische Notwendigkeit dar. Die Möglichkeiten, die sich aus der Dezentralisierung der Energieerzeugung sowie aus der Optimierung von Produktion und Verbrauch ergeben, machen sie zugleich zu einer sozialen und wirtschaftlichen Notwendigkeit. Aus rechtlicher Sicht geht dieser Wandel mit neuen Regelungen und neuen energiepolitischen Strategien einher. Die Beobachtung und Analyse dieser Rechtsentwicklung in einem so dynamischen Kontext ist schlichtweg faszinierend.
 
Frage 3: Wie ist Ihr Forschungsbereich mit dem Projekt verknüpft?
 
B. Laroze: Da meine Stelle direkt durch die Projekte finanziert wird, an denen ich arbeite, entspricht mein Forschungsbereich sehr eng den jeweiligen Projektthemen. Ich hatte jedoch die Gelegenheit, an mehreren unterschiedlichen Projekten mitzuwirken. Insgesamt befasst sich mein Forschungsgebiet mit der Energiewende in einem grenzüberschreitenden Kontext, insbesondere zwischen Frankreich, Deutschland und der Schweiz.
 
Frage 4: Was war die erste Frage, die Sie sich selbst zu Beginn des Projekts gestellt haben?
 
B. Laroze: Als Juristin habe ich mich zunächst mit der konkreten rechtlichen Umsetzung der vorgeschlagenen Energiemodelle befasst. Dabei stellte ich schnell fest, dass zwar die Europäische Union eine Vorreiterrolle in der Energiewende, beim Ausbau erneuerbarer Energien und bei Energiegemeinschaften eingenommen hat, die Umsetzung dieser Grundsätze in nationales Recht jedoch von Mitgliedstaat zu Mitgliedstaat stark variiert.
In Bezug auf die Schweiz, die kein Mitglied der Europäischen Union ist, stellte sich für mich die Frage, inwieweit das europäische Energierecht das schweizerische Recht beeinflussen kann, insbesondere im Hinblick auf die Ermöglichung oder Erleichterung des Handels. Aus einer verbrauchernäheren Perspektive habe ich mich zudem gefragt, wie das Recht die Optimierung von Energieproduktion und -verbrauch fördern kann, um diese neuen Modelle zugänglicher zu machen.

...bleibt eine [rechtliche] Harmonisierung notwendig, um wirklich grenzüberschreitende Modelle [für den kollektiven Eigenverbrauch] zu ermöglichen...

Frage 5: Haben Sie diese Frage bisher beantwortet?
 
B. Laroze: Die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Dezentralisierung der Energieerzeugung und -speicherung sowie für individuelle und kollektive Eigenversorgung unterscheiden sich erheblich zwischen den untersuchten Ländern. Obwohl das EU-Recht auf eine Harmonisierung der Modelle abzielt, gilt diese Dynamik nicht für die Schweiz, da sie kein EU-Mitglied ist. Zudem beeinflussen nationale energiepolitische Entscheidungen (beispielsweise der Einsatz oder Verzicht auf Kernenergie) maßgeblich die jeweiligen gesetzlichen Rahmenbedingungen und die Umsetzung neuer Energiemodelle. Diese Unterschiede erklären weitgehend die Vielfalt der beobachteten Ansätze.
 
Frage 6: Was können Sie uns über Ihre aktuellen Erkenntnisse mitteilen, ohne zu viel preiszugeben?
 
B. Laroze: BMeine Forschung besteht hauptsächlich in einer vergleichenden Analyse der rechtlichen Regelungen in den drei vom Projekt betroffenen Ländern: Frankreich, Deutschland und der Schweiz. Auf dieser Grundlage entwickle ich anschließend Lösungsansätze. In Deutschland läuft derzeit ein parlamentarisches Verfahren zum Thema „Energy Sharing“ (entspricht der kollektiven Eigenversorgung im französischen Recht). Dessen Ausgang wird einen wesentlichen Einfluss auf unsere Schlussfolgerungen hinsichtlich möglicher Harmonisierungsperspektiven haben. Derzeit existiert keine einheitliche Definition der kollektiven Eigenversorgung, und die Bedingungen für Energiegemeinschaften unterscheiden sich von Land zu Land. Auch wenn diese Unterschiede eine nationale Entwicklung nicht verhindern, bleibt eine Harmonisierung notwendig, um wirklich grenzüberschreitende Modelle zu ermöglichen.
 
Frage 7: Wann und warum begannen Sie mit der Arbeit an umweltbezogenen Projekten?
 
B. Laroze: Ich habe im Juli 2022 mit der Arbeit an umweltbezogenen Projekten begonnen, als ich meine Tätigkeit an der Hochschule Kehl aufgenommen habe. Diese Entscheidung wurde vor allem durch persönliche Überzeugungen und den Wunsch motiviert, konkret zur ökologischen Transformation beizutragen.
Frage 8: Ihre persönlichen Überzeugungen scheinen eine zentrale Rolle für Ihre Motivation zu spielen. Können Sie uns sagen, welches Ereignis bzw. welche Ereignisse zu einem ökologischen Bewusstsein geführt haben?
 
B. Laroze: Es war eher eine Vielzahl von Ereignissen. Die Auswirkungen des Klimawandels sind unbestreitbar, ihr Ausmaß nimmt stetig zu, und die wissenschaftlichen Belege sind eindeutig. Obwohl in vielen Bereichen zahlreiche Lösungen existieren, werden sie nur zögerlich umgesetzt. Häufig liegen die Hindernisse nicht im Technologischen, sondern im Rechtlichen. In der Energiewende tätig zu sein, gibt mir zumindest das Gefühl, meinen Beitrag zu leisten.
 
Frage 9: Haben Sie in letzter Zeit an anderen umweltbezogenen Projekten gearbeitet? Und wenn ja, würden Sie uns etwas über deren Ziele und/oder Ergebnisse erzählen?
 
B. Laroze: Alle Projekte, an denen ich bisher beteiligt war, hatten das Ziel, zur Energiewende beizutragen. Einige befassten sich mit der Entwicklung neuer Technologien wie der Agrivoltaik oder Wasserstoff, andere zielten darauf ab, die Dezentralisierung der Energieerzeugung und -speicherung zu erleichtern. So bestand unsere Arbeit im Projekt Modellregion Agri-PV Baden-Württemberg darin, rechtliche und administrative Hindernisse für die Umsetzung von Photovoltaik-Überdachungen auf landwirtschaftlichen Flächen zu untersuchen.
Im Projekt CO2Inno lag der Fokus auf der Erforschung rechtlicher und administrativer Aspekte in Frankreich und Deutschland im Zusammenhang mit der Nutzung von Wasserstoff als Wärmequelle, aber auch auf weiteren Themen der Energiewende wie dem Ausbau von Ladeinfrastrukturen für Elektrofahrzeuge, Cybersicherheit und Sektorkopplung.
 
In allen Projekten hat sich die Bedeutung des lokalen Handelns als entscheidend erwiesen. Lokal entwickelte Lösungen genießen eine höhere gesellschaftliche Akzeptanz und kommen den Bürgerinnen und Bürgern direkter zugute. Die Dezentralisierung von Energieerzeugung, -verbrauch und -speicherung kann so zu mehr Energie- und sozialer Gerechtigkeit beitragen. Die Energiewende ist daher nicht nur eine ökologische Notwendigkeit, sondern auch ein wirksames Instrument sozialer Gerechtigkeit.
 
Frage 10: Wie Sie betonen, kann die Energiewende nur mit einer echten gesellschaftlichen Beteiligung gelingen. Gibt es unter den Projekten, an denen Sie gearbeitet haben, ein Beispiel, das den Zusammenhang zwischen Energiewende und sozialer Gerechtigkeit besonders verdeutlicht?
 

B. Laroze: Die Energiewende hat viele Dimensionen, die weit über einen bloßen Technologiewechsel hinausgehen. Sie ist unverzichtbar zur Reduzierung von Treibhausgasemissionen und damit zur Begrenzung des Klimawandels. Dessen Auswirkungen sind besonders gravierend in Entwicklungsländern, die zunehmend von extremen und häufigeren Wetterereignissen betroffen sind und deren Bevölkerungen ohnehin verletzlicher sind als jene wohlhabender Länder.

Auf lokaler Ebene – im geografischen Raum der von mir begleiteten Projekte in Deutschland, Frankreich und der Schweiz – äußern sich die Folgen des Klimawandels unter anderem in immer häufigeren Hitzewellen. Diese treffen vor allem sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen: Obdachlose, einkommensschwache Haushalte, die energetische Sanierungen nicht finanzieren können, oder Mieterinnen und Mieter schlecht isolierter Gebäude. In diesem Zusammenhang stellen Gebäudesanierungsprogramme ein zentrales soziales Thema dar, da sie darauf abzielen, Ungleichheiten in Bezug auf Lebensbedingungen und Gesundheitsrisiken zu verringern.

Doch eine bessere Gebäudedämmung allein reicht nicht aus. Die Energiewende erfordert auch eine Transformation der Energieerzeugung. Erneuerbare Energien benötigen neue Infrastrukturen. Während Solarenergie weitgehend akzeptiert ist, stößt Windenergie mitunter auf lokalen Widerstand. Gerade deshalb sind Modelle wie von der EU geförderte Bürgerenergiegemeinschaften besonders interessant: Sie ermöglichen es Bürgerinnen und Bürgern, sich finanziell an Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energien zu beteiligen und sowohl von der produzierten Energie als auch von den wirtschaftlichen Erträgen zu profitieren. Über eine höhere soziale Akzeptanz hinaus fördern diese Modelle eine gerechtere Verteilung der Wertschöpfung.

Das Projekt ASIMUTE verdeutlicht diesen Zusammenhang besonders anschaulich. Es zielt darauf ab, sowohl die Stromerzeugung als auch den -verbrauch zu optimieren und dabei die Rolle von „Prosumern“ – Bürgerinnen und Bürgern, die zugleich Energie produzieren und konsumieren – zu stärken, anstatt sich ausschließlich auf etablierte Energieversorger zu stützen. Dieses Modell stärkt die lokale Energieautonomie und macht die Bevölkerung zu aktiven Akteuren der Energiewende.

Auch das Projekt Modellregion Agri-PV Baden-Württemberg, das die Relevanz und Umsetzbarkeit agrivoltaischer Anlagen untersucht, stellt aus meiner Sicht ein weiteres starkes Beispiel für den Zusammenhang zwischen Energiewende und sozialer Gerechtigkeit dar. Indem Landwirte in den Mittelpunkt der Energieproduktion gestellt werden, eröffnet es Möglichkeiten zur Diversifizierung ihrer Einkommensquellen. Angesichts jüngerer landwirtschaftlicher Proteste und der wirtschaftlichen Unsicherheit vieler Betriebe – insbesondere im Zusammenhang mit den Folgen des Klimawandels – kann dies ein Hebel zur Stärkung ihrer wirtschaftlichen Resilienz und zu einer gerechteren Beteiligung an den Erträgen der Energiewende sein. Um Fehlentwicklungen zu vermeiden, ist es jedoch entscheidend, diese Technologie so zu regulieren, dass sie vorrangig den landwirtschaftlichen Betrieben und lokalen Akteuren zugutekommt und nicht großen externen Investoren.

Die Partner des ASIMUTE-Projekts trafen sich in Kehl zum Halbzeitkolloquium.

Frage 11: Warum ist die Energieoptimierung auf europäischer Ebene wichtig?
 
B. Laroze: Reiche und industrialisierte Länder – darunter die Mitgliedstaaten der Europäischen Union – zeichnen sich durch einen hohen Energieverbrauch aus. Der Energiesektor ist jedoch besonders treibhausgasintensiv, wenn er auf fossilen Energieträgern basiert. Die Kernenergie ist zwar CO₂-arm, wirft jedoch Fragen der Sicherheit, der Abfallentsorgung und der Anpassung an die Folgen des Klimawandels auf, insbesondere bei Dürreperioden. Erneuerbare Energien bieten hierfür Lösungen, doch ihre intermittierende Natur stellt Herausforderungen für Versorgungssicherheit und Netzmanagement dar. Daher ist es unerlässlich, Energieüberschüsse speichern zu können, um sie in Mangelsituationen zu nutzen. Energieoptimierung ist somit eine grundlegende Voraussetzung für eine erfolgreiche Energiewende.

Die dafür notwendigen Infrastrukturen sind jedoch kostenintensiv, und nicht alle Mitgliedstaaten verfügen über die gleichen natürlichen Ressourcen (mehr Sonne im Süden, mehr Wind im Norden). Ein koordiniertes europäisches Vorgehen ist daher unverzichtbar. Zudem stand Energie historisch im Zentrum der europäischen Integration: Gemeinsames Handeln in diesem Bereich stärkt die Zusammenarbeit und trägt zur Sicherung des Friedens bei.

Frage 12: Sind Sie begeistert von anderen Projekten, sind es Ihre eigenen oder die von jemand anderem?
 
B. Laroze: Generell interessiere ich mich für sämtliche Forschungsprojekte des Kehler Institut für Angewandte Forschung (KIAF), für das ich tätig bin. Diese Projekte sind sehr vielfältig, aber alle mit den Herausforderungen der Energiewende verbunden, und sie nähren täglich meine wissenschaftliche Neugier und mein berufliches Engagement. Neben CO2InnO und SynAgri-PV, die ich bereits erwähnt habe, arbeitet oder arbeitete das KIAF an zahlreichen weiteren für die Energiewende bedeutenden Projekten, die ich äußerst spannend finde. Die Liste ist lang, beispielhaft seien genannt:
  • Beschleunigung des Ausbaus der Floating Photovoltaik, ein Projekt zur Entwicklung eines schwimmenden Solarparks
  • LOTUS (Locally Organized Transition of Urban Sustainable Spaces), ein innovatives Programm zur Entwicklung von Lehr- und Lerninstrumenten, die den Übergang zu einer klimaneutralen urbanen Energieversorgung unterstützen sollen.

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