Frage 8: Sind Sie auf die Zurückhaltung der Bewohner gestoßen, Daten zu teilen? Falls ja, welche Ängste haben sie formuliert?
Dr. Kleinebrahm: In unserer eigenen Arbeit erheben wir keine großen Mengen an Primärdaten direkt von Bewohnerinnen und Bewohnern. Die Erhebung solcher Daten kann sehr zeitaufwendig sein und wirft zugleich wichtige Fragen des Datenschutzes und der Datensicherheit auf. Daher arbeiten wir überwiegend mit bestehenden Datensätzen und entwickeln Methoden, um Informationen aus verschiedenen kleineren Datenquellen sinnvoll zusammenzuführen. Auf diese Weise können wir Erkenntnisse gewinnen, die über einzelne Haushalte, Regionen und Anwendungsfälle hinaus übertragbar sind. Datenschutz spielt dabei insbesondere in Deutschland eine wichtige Rolle. Das zeigt sich beispielsweise auch an der vergleichsweise langsamen Einführung intelligenter Messsysteme, bei der Fragen der Sicherheit, des Datenschutzes und der institutionellen Umsetzung eine wesentliche Rolle spielen. Gleichzeitig sind wir überzeugt, dass öffentlich zugängliche und gut dokumentierte Daten einen wichtigen Beitrag zur Energiewende leisten können. Deshalb arbeiten wir an
Methoden, mit denen sich relevante Zusammenhänge aus sensiblen Daten ableiten lassen, ohne die zugrunde liegenden Informationen selbst öffentlich zugänglich machen zu müssen. Ein vielversprechender Ansatz sind synthetische Daten. Vereinfacht gesagt werden dabei künstliche Datensätze erzeugt, die wesentliche statistische Muster realer Daten abbilden, gleichzeitig aber das Risiko reduzieren sollen, Rückschlüsse auf einzelne Haushalte oder Personen ziehen zu können. Solche Methoden können dazu beitragen, wertvolle Daten für die Forschung nutzbar zu machen und zugleich die Privatsphäre der Bewohnerinnen und Bewohner besser zu schützen.
Frage 9: Was können Sie uns über Ihre aktuellen Erkenntnisse mitteilen, ohne zu viel preiszugeben?
Dr. Kleinebrahm: Eine wichtige Erkenntnis ist, dass die Flexibilität von Haushalten die Energiewende unterstützen kann, ohne dass die Bewohnerinnen und Bewohner ihren Alltag grundlegend verändern müssen. Wärmepumpen müssen beispielsweise nicht immer genau dann betrieben werden, wenn Wärme benötigt wird. Gebäude und Warmwasserspeicher können Wärme vorübergehend speichern, sodass sich der Stromverbrauch auf Zeiten verlagern lässt, in denen viel erneuerbarer Strom verfügbar ist oder die Strompreise niedriger sind. Elektrofahrzeuge bieten eine ähnliche Flexibilität, da sie in der Regel deutlich länger geparkt sind, als für das Laden tatsächlich erforderlich wäre. Entscheidend ist jedoch eine geeignete Koordination. Wenn beispielsweise viele Haushalte gleichzeitig auf dasselbe niedrige Preissignal reagieren, kann dadurch eine neue und möglicherweise kritische Lastspitze entstehen. Unsere Ergebnisse zeigen daher, wie wichtig es ist, verschiedene Ziele miteinander in Einklang zu bringen: Kosten zu senken, hohe Netzbelastungen zu vermeiden und gleichzeitig den Komfort der Bewohnerinnen und Bewohner zu erhalten. Intelligente Regelungs- und Optimierungsverfahren können dabei helfen, geeignete Kompromisse zwischen diesen Zielen zu finden und die vorhandene Flexibilität effizient zu nutzen.
Frage 10: Falls, wie Sie angeben, „jeder Haushalt gleichzeitig auf denselben Strompreis reagiert“, gibt es dann einen Ausgleichsmechanismus für Privathaushalte, der das Risiko einer kritischen Nachfragespitze verhindern oder minimieren würde? Falls ein solcher Mechanismus existiert, können Sie ihn erläutern?
Dr. Kleinebrahm: Ja, solche Mechanismen gibt es. In Deutschland ist § 14a EnWG ein wichtiges Beispiel. Seit dem 1. Januar 2024 fallen neu in Betrieb genommene steuerbare Verbrauchseinrichtungen mit einer Netzanschlussleistung von mehr als 4,2 kW, etwa Wärmepumpen, private Ladeeinrichtungen für Elektrofahrzeuge oder Batteriespeicher beim Strombezug, unter die entsprechenden Regelungen zur netzorientierten Steuerung. Droht eine konkrete Überlastung des lokalen Verteilernetzes, kann der Netzbetreiber den Strombezug dieser Anlagen vorübergehend begrenzen. Dabei bleibt eine Mindestleistung verfügbar, sodass beispielsweise Wärmepumpen weiter betrieben und Elektrofahrzeuge weiterhin geladen werden können. Der reguläre Stromverbrauch des Haushalts ist davon nicht betroffen. Im Gegenzug profitieren die Haushalte von reduzierten Netzentgelten. Das ist insbesondere deshalb relevant, weil Preissignale allein neue Lastspitzen verursachen können, wenn viele Haushalte zur gleichen Zeit auf dasselbe Signal reagieren. Die Regelungen nach § 14a EnWG ergänzen solche marktbasierten Anreize daher um die Perspektive und die technischen Anforderungen des lokalen Verteilernetzes.
Frage 11: Wann und warum begannen Sie mit der Arbeit an umweltbezogenen Projekten?
Dr. Kleinebrahm: Mein Interesse an Umwelt- und Energieforschung entwickelte sich bereits während meines Studiums. Zunächst beschäftigte ich mich mit Lebenszyklusanalysen von Gebäuden und kohlenstofffaserverstärkten Werkstoffen und untersuchte dabei deren Umweltauswirkungen über den gesamten Lebenszyklus hinweg. Nach meiner Spezialisierung auf Energiesysteme entwickelte ich ein optimiertes Energieversorgungskonzept für eine Brauerei. Durch dieses Projekt kam ich erstmals mit Operations Research in Berührung, also mit mathematischen Methoden, die dabei helfen, gute Entscheidungen in komplexen Systemen zu identifizieren. Mich faszinierte die Möglichkeit, solche Methoden nicht nur zur Optimierung einzelner Energieversorgungssysteme einzusetzen, sondern damit auch übergeordnete Fragestellungen der Energiewende zu untersuchen. Dieses Interesse führte mich schließlich für meine Promotion an das
KIT-IIP. In meiner Forschung beschäftigte ich mich unter anderem damit,
- wie das Verhalten von Haushalten die Energienachfrage beeinflusst (artikel lesen),
- inwieweit sich Wohngebäude in Europa vollständig mit lokal erzeugter erneuerbarer Energie versorgen könnten (artikel lesen)
- und wie kommunale Energiesysteme im Einklang mit nationalen Klimazielen transformiert werden können (artikel lesen).
Seitdem steht die Frage, wie individuelle Entscheidungen und systemweite Veränderungen miteinander zusammenwirken, im Mittelpunkt meiner Arbeit.