Interview mit Dr. Max Kleinebrahm – Koordinator des WP9

Das ASIMUTE-Projekt ist ein multidisziplinäres europäisches Forschungsprojekt, das Frauen und Männer mit unterschiedlichen Hintergründen zusammenbringt. Ihre Hintergründe sind unterschiedlich, aber alle diese Menschen engagieren sich, um die Forschung voranzutreiben. In einer Reihe von Miniporträts erfahren wir, wer sie sind und was sie motiviert.

Für dieses siebte Interview hat sich Dr. Max Kleinebrahm, Koordinator von WP9, trotz der Vorbereitungen auf das neue akademische Semester Zeit genommen, um unsere Fragen zu beantworten.

Frage 1: Was ist Ihr persönlicher Werdegang und was hat Sie dazu bewogen, eine wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen?

Dr. Kleinebrahm: Ich bin in einer kleinen Stadt in Westdeutschland, zwischen Bonn und Köln, aufgewachsen und habe später an der RWTH Aachen Maschinenbau studiert. Während meines Studiums weckte ein Thermodynamik-Kurs bei André Bardow mein Interesse an Energiesystemen und an der grundlegenden Frage, wie Energie effizienter bereitgestellt und genutzt werden kann. Daraufhin spezialisierte ich mich auf Energietechnik. Austausch- und Forschungsaufenthalte an der NTNU in Trondheim, Norwegen, und an der Deutschen Universität für Technologie in Maskat, Oman, haben meinen weiteren Weg entscheidend geprägt. Sie haben mir gezeigt, wie sehr ich es schätze, in einem internationalen Umfeld zu arbeiten, Studierende zu unterrichten und komplexe Fragestellungen im Detail zu untersuchen. Was mich letztlich zur Wissenschaft hingezogen hat, ist die Verbindung von detaillierter Analyse und systemischem Denken. Forschung in der Energiesystemanalyse erfordert, einzelne Technologien und menschliche Entscheidungen genau zu verstehen und gleichzeitig im Blick zu behalten, wie sie miteinander interagieren und sich in das größere Energiesystem einfügen.
 
Frage 2: Hat die Arbeit in verschiedenen internationalen Umgebungen zu Beginn Ihrer Karriere Ihre Sichtweise auf ein Problem geprägt? Wenn ja, wie?
 
Dr. Kleinebrahm: Ja, auf jeden Fall. Die Arbeit in internationalen Umgebungen hat mir beigebracht, dass Menschen ähnliche Probleme aus sehr unterschiedlichen kulturellen, disziplinären und praktischen Perspektiven angehen können. Das ist es, was internationale und interdisziplinäre Zusammenarbeit so wertvoll macht. Eine wichtige Erfahrung war meine Zeit im Oman, wo ich im Fachbereich Mathematik arbeitete und half, die erste IMAGINARY-Ausstellung auf der Arabischen Halbinsel zu organisieren. Ich habe gelernt, dass selbst kleine Herausforderungen erheblichen Aufwand erfordern können, wenn die Kommunikation unklar ist oder Annahmen unausgesprochen bleiben. Dies ist besonders relevant in der Energieforschung, wo technische und wirtschaftliche Analysen wichtig sind, aber oft nicht alle notwendigen Einschränkungen erfassen. Soziale Einschränkungen, alltägliche Praktiken und Akzeptanzfragen beeinflussen stark, ob eine Lösung machbar ist.
 
Frage 3: Warum haben Sie sich für dieses Forschungsgebiet entschieden?
 
Dr. Kleinebrahm: Heute leite ich die Forschungsgruppe für Energienachfrage und Mobilität am Karlsruher Institut für Technologie. Was ich an diesem Forschungsfeld besonders schätze, ist die Vielfalt der Perspektiven, die darin zusammenkommen. Meine Arbeit reicht von der Lehre und Betreuung von Studierenden über die Zusammenarbeit mit Doktorandinnen und Doktoranden bis hin zur Entwicklung neuer Forschungsvorhaben und der Veröffentlichung wissenschaftlicher Ergebnisse. Dadurch entstehen Möglichkeiten, sowohl zur akademischen Wissensbildung als auch zu fundierten Entscheidungen in der Praxis beizutragen.
Die Energiewende ist für mich besonders faszinierend, weil sie sich weder aus einer rein technischen noch aus einer rein wirtschaftlichen Perspektive verstehen lässt. Sie umfasst ebenso menschliches Verhalten, gesellschaftliche Akzeptanz, regulatorische Rahmenbedingungen und Umweltauswirkungen. Die Zusammenarbeit mit Forschenden aus Ingenieurwissenschaften, Wirtschaft, Informatik und Sozialwissenschaften kann dabei durchaus herausfordernd sein, da jede Disziplin ihre eigenen Methoden, Begriffe und Perspektiven auf ein Problem mitbringt. Gleichzeitig ist genau das der Aspekt, der interdisziplinäre Zusammenarbeit so wertvoll macht: Sie stellt etablierte Annahmen infrage, macht Aspekte sichtbar, die innerhalb einer einzelnen Disziplin leicht übersehen werden können, und erweitert kontinuierlich auch meine eigene Perspektive.
 
Frage 4: Wie ist Ihr Forschungsbereich mit dem Projekt verknüpft?
 
Dr. Kleinebrahm: Unsere Gruppe für Energienachfrage und Mobilität untersucht, wie sich die Energienachfrage von Haushalten, im Verkehr und in der Industrie auf dem Weg zur Klimaneutralität verändern könnte. Besonders interessiert uns dabei das Zusammenspiel zwischen einzelnen Verbraucherinnen und Verbrauchern, dezentralen Technologien und dem übergeordneten Energiesystem. Dies erfordert eine sozio-techno-ökonomische Perspektive, in der wir technische Möglichkeiten, wirtschaftliche Anreize und menschliches Verhalten gemeinsam betrachten.
ASIMUTE knüpft sehr gut an diese Arbeit an. Das Projekt verbindet alltägliche Praktiken und Erwartungen von Haushalten mit Technologien wie Wärmepumpen, Photovoltaikanlagen, Elektrofahrzeugen und Batteriespeichern. Im Arbeitspaket 9 entwickeln wir Simulations- und Optimierungsmethoden, um den Einsatz dieser Technologien effizient zu gestalten.
Unser Ziel besteht dabei nicht einfach darin, den Energieverbrauch zu minimieren. Vielmehr untersuchen wir, wie Haushalte und Nachbarschaften Kosten und Emissionen reduzieren, das Stromnetz unterstützen und erneuerbare Energien besser integrieren können, ohne dabei den Komfort der Bewohnerinnen und Bewohner aus dem Blick zu verlieren und unter Berücksichtigung regionaler Unterschiede.
Frage 5: Was war die erste Frage, die Sie sich selbst zu Beginn des Projekts gestellt haben?
 
Dr. Kleinebrahm: ASIMUTE bietet uns die wertvolle Möglichkeit, grenzüberschreitende Forschung in Frankreich, Deutschland und der Schweiz durchzuführen. Eine meiner ersten Fragen war daher, wie sich die Energienachfrage von Haushalten in diesen Ländern unterscheidet. Nutzen Haushalte Energie auf unterschiedliche Weise? Welche Rolle spielen Unterschiede im Baujahr der Gebäude, in der Dämmung, bei den Heiztechnologien und im alltäglichen Verhalten?
Mich interessiert außerdem, wie dezentrale Technologien mit den jeweiligen nationalen Energiesystemen interagieren. Frankreich hat beispielsweise traditionell stark auf Kernenergie gesetzt, während Deutschland aus der Kernenergie ausgestiegen ist und zugleich den Kohleausstieg vorantreibt. Diese unterschiedlichen Strukturen können zu unterschiedlichen Anreizen für den Betrieb von Wärmepumpen, Batteriespeichern oder Elektrofahrzeugen führen.
Wir untersuchen daher die wirtschaftlichen, ökologischen und komfortbezogenen Auswirkungen verschiedener Betriebsstrategien. Die zentrale Frage ist dabei jedoch nicht nur, worin sich die Länder unterscheiden. Noch wichtiger ist für uns zu verstehen, was sie voneinander lernen können.
 
Frage 6: Haben Sie diese Frage bisher beantwortet?
 
Dr. Kleinebrahm: Wir haben bereits erhebliche Fortschritte erzielt, auch wenn die vollständige grenzüberschreitende Analyse erst in der abschließenden Projektphase vorliegen wird. Wir haben Simulations- und Optimierungsmethoden entwickelt, mit denen sich untersuchen lässt, wie Wohngebäude ihren Stromverbrauch zeitlich verschieben und damit Flexibilität bereitstellen können. Diese Flexibilität kann unter anderem durch Wärmepumpen, die thermische Speicherkapazität von Gebäuden, Elektrofahrzeuge und Batteriespeicher entstehen.
Unsere Methoden berücksichtigen dabei mehrere Ziele gleichzeitig, darunter Stromkosten, Spitzenlasten im Stromnetz und den thermischen Komfort der Bewohnerinnen und Bewohner. Darüber hinaus haben wir Methoden des maschinellen Lernens entwickelt, die komplexe Entscheidungen zur Steuerung von Wärmepumpen deutlich schneller abbilden können, als dies durch das wiederholte Lösen komplexer Optimierungsprobleme möglich wäre. Dies ist insbesondere dann wichtig, wenn solche Ansätze auf eine große Zahl von Gebäuden übertragen werden sollen.
Der nächste Schritt besteht darin, unsere Ansätze von einzelnen Fallstudien auf repräsentative Gebäudebestände in den beteiligten Ländern zu übertragen. Dadurch können wir übergreifende Muster erkennen und Schlussfolgerungen ableiten, die auch auf unterschiedliche Regionen und Gebäudestrukturen übertragbar sind.
 
Frage 7: Haben Sie bereits „repräsentative Bausteine“ in der Oberrheinregion gefunden? Und, falls ja, können Sie uns sagen, wo sie sich befinden (Frankreich, Deutschland, Schweiz) und warum Sie gerade diese ausgewählt haben?
 
Dr. Kleinebrahm: Ja, wir haben bereits repräsentative Gebäude identifiziert. Tatsächlich haben wir schon vor Beginn von ASIMUTE Methoden entwickelt, um typische Wohngebäude in Deutschland und Europa zu bestimmen. Ziel war es, besser zu verstehen, wie sich Technologien wie Photovoltaikanlagen und Batteriespeicher im Wohnsektor verbreiten könnten und unter welchen Bedingungen Haushalte einen möglichst großen Teil ihres Energiebedarfs mit lokal erzeugtem Strom decken können. Unser Ansatz basiert auf Clustering. Vereinfacht gesagt gruppieren wir Gebäude mit ähnlichen Eigenschaften, etwa hinsichtlich Gebäudetyp, Wohnfläche, Baujahr und weiterer relevanter Merkmale. Aus diesen Gruppen wählen wir anschließend eine kleinere Anzahl typischer Gebäude aus, die den jeweiligen Gebäudebestand möglichst gut repräsentieren. Diese können wir dann im Detail analysieren, beispielsweise indem wir die Auslegung ihres Energiesystems oder dessen Betrieb optimieren. Wie viele repräsentative Gebäude wir auswählen, hängt von der Komplexität der jeweiligen Analyse ab. Detaillierte Energiesystemberechnungen können sehr rechenintensiv sein, sodass wir stets einen sinnvollen Kompromiss zwischen Genauigkeit und rechnerischer Machbarkeit finden müssen. In einer unserer jüngsten Studien konnten wir beispielsweise mehr als 4.000 repräsentative Gebäude in ganz Europa analysieren. Für ASIMUTE ist jedoch wichtig zu betonen, dass wir uns nicht auf konkrete Einzelgebäude konzentrieren, die sich öffentlich benennen oder identifizieren lassen. Stattdessen arbeiten wir mit repräsentativen Gebäudetypen für die Oberrheinregion, die so ausgewählt wurden, dass sie typische Wohngebäude in den jeweiligen Ländern möglichst gut abbilden.

Dr. Kleinebrahm und die Mitglieder der Forschungsgruppe „Energienachfrage und Mobilität“

Frage 8: Sind Sie auf die Zurückhaltung der Bewohner gestoßen, Daten zu teilen? Falls ja, welche Ängste haben sie formuliert?
 
Dr. Kleinebrahm: In unserer eigenen Arbeit erheben wir keine großen Mengen an Primärdaten direkt von Bewohnerinnen und Bewohnern. Die Erhebung solcher Daten kann sehr zeitaufwendig sein und wirft zugleich wichtige Fragen des Datenschutzes und der Datensicherheit auf. Daher arbeiten wir überwiegend mit bestehenden Datensätzen und entwickeln Methoden, um Informationen aus verschiedenen kleineren Datenquellen sinnvoll zusammenzuführen. Auf diese Weise können wir Erkenntnisse gewinnen, die über einzelne Haushalte, Regionen und Anwendungsfälle hinaus übertragbar sind. Datenschutz spielt dabei insbesondere in Deutschland eine wichtige Rolle. Das zeigt sich beispielsweise auch an der vergleichsweise langsamen Einführung intelligenter Messsysteme, bei der Fragen der Sicherheit, des Datenschutzes und der institutionellen Umsetzung eine wesentliche Rolle spielen. Gleichzeitig sind wir überzeugt, dass öffentlich zugängliche und gut dokumentierte Daten einen wichtigen Beitrag zur Energiewende leisten können. Deshalb arbeiten wir an Methoden, mit denen sich relevante Zusammenhänge aus sensiblen Daten ableiten lassen, ohne die zugrunde liegenden Informationen selbst öffentlich zugänglich machen zu müssen. Ein vielversprechender Ansatz sind synthetische Daten. Vereinfacht gesagt werden dabei künstliche Datensätze erzeugt, die wesentliche statistische Muster realer Daten abbilden, gleichzeitig aber das Risiko reduzieren sollen, Rückschlüsse auf einzelne Haushalte oder Personen ziehen zu können. Solche Methoden können dazu beitragen, wertvolle Daten für die Forschung nutzbar zu machen und zugleich die Privatsphäre der Bewohnerinnen und Bewohner besser zu schützen.
 
Frage 9: Was können Sie uns über Ihre aktuellen Erkenntnisse mitteilen, ohne zu viel preiszugeben?
 
Dr. Kleinebrahm: Eine wichtige Erkenntnis ist, dass die Flexibilität von Haushalten die Energiewende unterstützen kann, ohne dass die Bewohnerinnen und Bewohner ihren Alltag grundlegend verändern müssen. Wärmepumpen müssen beispielsweise nicht immer genau dann betrieben werden, wenn Wärme benötigt wird. Gebäude und Warmwasserspeicher können Wärme vorübergehend speichern, sodass sich der Stromverbrauch auf Zeiten verlagern lässt, in denen viel erneuerbarer Strom verfügbar ist oder die Strompreise niedriger sind. Elektrofahrzeuge bieten eine ähnliche Flexibilität, da sie in der Regel deutlich länger geparkt sind, als für das Laden tatsächlich erforderlich wäre. Entscheidend ist jedoch eine geeignete Koordination. Wenn beispielsweise viele Haushalte gleichzeitig auf dasselbe niedrige Preissignal reagieren, kann dadurch eine neue und möglicherweise kritische Lastspitze entstehen. Unsere Ergebnisse zeigen daher, wie wichtig es ist, verschiedene Ziele miteinander in Einklang zu bringen: Kosten zu senken, hohe Netzbelastungen zu vermeiden und gleichzeitig den Komfort der Bewohnerinnen und Bewohner zu erhalten. Intelligente Regelungs- und Optimierungsverfahren können dabei helfen, geeignete Kompromisse zwischen diesen Zielen zu finden und die vorhandene Flexibilität effizient zu nutzen.
 
Frage 10: Falls, wie Sie angeben, „jeder Haushalt gleichzeitig auf denselben Strompreis reagiert“, gibt es dann einen Ausgleichsmechanismus für Privathaushalte, der das Risiko einer kritischen Nachfragespitze verhindern oder minimieren würde? Falls ein solcher Mechanismus existiert, können Sie ihn erläutern?
 
Dr. Kleinebrahm: Ja, solche Mechanismen gibt es. In Deutschland ist § 14a EnWG ein wichtiges Beispiel. Seit dem 1. Januar 2024 fallen neu in Betrieb genommene steuerbare Verbrauchseinrichtungen mit einer Netzanschlussleistung von mehr als 4,2 kW, etwa Wärmepumpen, private Ladeeinrichtungen für Elektrofahrzeuge oder Batteriespeicher beim Strombezug, unter die entsprechenden Regelungen zur netzorientierten Steuerung. Droht eine konkrete Überlastung des lokalen Verteilernetzes, kann der Netzbetreiber den Strombezug dieser Anlagen vorübergehend begrenzen. Dabei bleibt eine Mindestleistung verfügbar, sodass beispielsweise Wärmepumpen weiter betrieben und Elektrofahrzeuge weiterhin geladen werden können. Der reguläre Stromverbrauch des Haushalts ist davon nicht betroffen. Im Gegenzug profitieren die Haushalte von reduzierten Netzentgelten. Das ist insbesondere deshalb relevant, weil Preissignale allein neue Lastspitzen verursachen können, wenn viele Haushalte zur gleichen Zeit auf dasselbe Signal reagieren. Die Regelungen nach § 14a EnWG ergänzen solche marktbasierten Anreize daher um die Perspektive und die technischen Anforderungen des lokalen Verteilernetzes.
 
Frage 11: Wann und warum begannen Sie mit der Arbeit an umweltbezogenen Projekten?
 
Dr. Kleinebrahm: Mein Interesse an Umwelt- und Energieforschung entwickelte sich bereits während meines Studiums. Zunächst beschäftigte ich mich mit Lebenszyklusanalysen von Gebäuden und kohlenstofffaserverstärkten Werkstoffen und untersuchte dabei deren Umweltauswirkungen über den gesamten Lebenszyklus hinweg. Nach meiner Spezialisierung auf Energiesysteme entwickelte ich ein optimiertes Energieversorgungskonzept für eine Brauerei. Durch dieses Projekt kam ich erstmals mit Operations Research in Berührung, also mit mathematischen Methoden, die dabei helfen, gute Entscheidungen in komplexen Systemen zu identifizieren. Mich faszinierte die Möglichkeit, solche Methoden nicht nur zur Optimierung einzelner Energieversorgungssysteme einzusetzen, sondern damit auch übergeordnete Fragestellungen der Energiewende zu untersuchen. Dieses Interesse führte mich schließlich für meine Promotion an das KIT-IIP. In meiner Forschung beschäftigte ich mich unter anderem damit,
  • wie das Verhalten von Haushalten die Energienachfrage beeinflusst (artikel lesen),
  • inwieweit sich Wohngebäude in Europa vollständig mit lokal erzeugter erneuerbarer Energie versorgen könnten (artikel lesen)
  • und wie kommunale Energiesysteme im Einklang mit nationalen Klimazielen transformiert werden können (artikel lesen).

Seitdem steht die Frage, wie individuelle Entscheidungen und systemweite Veränderungen miteinander zusammenwirken, im Mittelpunkt meiner Arbeit.

Bei der Gestaltung des Energiesystems darf der Fokus jedoch nicht allein auf möglichst niedrigen kurzfristigen finanziellen Kosten liegen...

Frage 12: Haben Sie in letzter Zeit an anderen umweltbezogenen Projekten gearbeitet? Und wenn ja, würden Sie uns etwas über deren Ziele und/oder Ergebnisse erzählen?
 
Dr. Kleinebrahm: Als Leiter der Gruppe „Energienachfrage und Mobilität“ hatte ich die Möglichkeit, an mehreren Projekten mitzuwirken, die lokale Flexibilität mit übergeordneten Energie- und Mobilitätssystemen verknüpfen.
  • Ein Beispiel ist C2CBridge, das untersucht, wie autonome, batterieelektrische On-Demand-Fahrdienste ländliche Regionen besser mit Städten verbinden können. Wir analysieren dabei unter anderem, inwieweit solche Konzepte die Nutzung privater Pkw und die damit verbundenen Emissionen reduzieren können und welche Auswirkungen sie auf die lokalen Stromnetze haben.
  • BDL Next beschäftigt sich mit dem bidirektionalen Laden. Dabei können Elektrofahrzeuge nicht nur Strom aus dem Netz beziehen, sondern gespeicherte Energie bei Bedarf auch wieder für Gebäude, das Stromnetz oder den Energiemarkt bereitstellen.
  • DEIMOS wiederum untersucht die Dekarbonisierung der europäischen Industrie und entwickelt dafür offene Modelle und Datensätze. Ein besonderer Fokus liegt darauf, wie sich der industrielle Energiebedarf verändern wird und welches Flexibilitätspotenzial industrielle Prozesse künftig bieten können.
  • Ein Projekt, das mich besonders begeistert, ist die „Energy-Arena“-Plattform. Sie schafft einen kontinuierlich aktualisierten und öffentlich zugänglichen Benchmark für Energieprognosen. Forschende und Praktiker können dort ihre Prognosen zu Strompreisen, Stromnachfrage und erneuerbarer Stromerzeugung unter einheitlichen, transparenten und realitätsnahen Bedingungen miteinander vergleichen. Dadurch wird es möglich, Fortschritte bei Prognosemethoden systematisch und über längere Zeiträume hinweg messbar zu machen.

Zusammen betrachten diese Projekte unterschiedliche, aber eng miteinander verknüpfte Bausteine eines klimaneutralen Energie- und Mobilitätssystems.

Frage 13: Warum ist die Energieoptimierung auf europäischer Ebene wichtig?
 
Dr. Kleinebrahm: Energiesysteme machen nicht an nationalen Grenzen Halt. Die europäischen Länder tauschen Strom, Gas und andere Energieträger aus, und ihre Infrastrukturen und Märkte sind eng miteinander verknüpft. Gleichzeitig verfolgen sie gemeinsame Klimaziele. Eine stärkere europäische Koordination kann die Gesamtkosten der Energiewende senken, da sich die Länder hinsichtlich ihrer erneuerbaren Ressourcen, Nachfragemuster und Speichermöglichkeiten unterscheiden. Ein stärker integriertes Energiesystem kann diese Unterschiede nutzen, um Angebot und Nachfrage besser miteinander in Einklang zu bringen. Angesichts geopolitischer Unsicherheiten und der Abhängigkeit von importierten fossilen Energieträgern hat diese Zusammenarbeit zusätzlich an Bedeutung gewonnen. Bei der Gestaltung des Energiesystems darf der Fokus jedoch nicht allein auf möglichst niedrigen kurzfristigen finanziellen Kosten liegen. Ebenso berücksichtigt werden müssen Versorgungssicherheit, Treibhausgasemissionen, gesellschaftliche Akzeptanz, regionale Resilienz sowie die Frage, wie Kosten und Nutzen der Energiewende verteilt werden. Ein ähnliches Prinzip gilt auf der Ebene einzelner Haushalte: Die kostengünstigste Lösung ist nicht zwangsläufig auch die komfortabelste oder gesellschaftlich sinnvollste. Europäische Zusammenarbeit gibt uns die Möglichkeit, solche Zielkonflikte über Ländergrenzen hinweg zu untersuchen, unterschiedliche Lösungsansätze zu vergleichen und aus den Erfahrungen der einzelnen Länder zu lernen.
 
Frage 14: Sind Sie begeistert von anderen Projekten, sind es Ihre eigenen oder die von jemand anderem?
 
Dr. Kleinebrahm: Besonders interessant finde ich das KoRPSA-Projekt, das regionale Strategien für das Kohlenstoffmanagement in der Oberrheinregion untersucht. Dazu gehören sowohl Möglichkeiten zur Abscheidung unvermeidbarer Emissionen als auch Ansätze zur Entfernung von Kohlendioxid aus der Atmosphäre. Besonders wertvoll ist dabei die Verbindung technischer und logistischer Analysen mit der Untersuchung gesellschaftlicher Wahrnehmung und Akzeptanz. Diese interdisziplinäre Perspektive ist entscheidend, denn Kohlenstoffmanagement kann nur dann wirksam zur Klimaneutralität beitragen, wenn geeignete Technologien in eine tragfähige Infrastruktur eingebettet sind und zugleich gesellschaftliche Akzeptanz finden. RESUR widmet sich einer weiteren zentralen Herausforderung: der Frage, wie Energiesysteme so gestaltet werden können, dass sie auch bei Störereignissen wie geopolitischen Krisen, Versorgungsunterbrechungen oder extremen Wetterereignissen funktionsfähig und robust bleiben. Bevor ich die Leitung meiner heutigen Forschungsgruppe übernommen habe, war ich an der Definition einiger der Störszenarien beteiligt, die nun im Projekt untersucht werden. Daher interessiert mich besonders, wie meine ehemaligen Kolleginnen und Kollegen diese Ereignisse in integrierten Modellen von Strom-, Gas- und Wärmenetzen abbilden und welche Schlussfolgerungen sich daraus für die Resilienz zukünftiger Energiesysteme ziehen lassen.
Beide Projekte zeigen, dass zukünftige Energiesysteme nicht nur klimaneutral und effizient sein müssen. Sie müssen zugleich resilient, gesellschaftlich akzeptiert und auch unter unerwarteten Bedingungen zuverlässig funktionsfähig sein.

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